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Zwischen den Welten – eine Liebeserklärung an Flughäfen

Paris Charles de Gaulle, Juli 2017

Paris ist schön. Sein Flughafen nicht so sehr. Ich sitze in Charles de Gaulle und harre einer Abflugzeit, die sich nun bereits zum wiederholten Mal um eine halbe Stunde nach hinten verschoben hat. Aber ich bin guten Mutes, denn, so ermüdend die Aufenthalte auf ihnen oft auch sein mögen – ich liebe Flughäfen.

Schon, als ich ein kleines Kind war, übten sie auf mich eine magische Anziehung aus: Dieser spezielle Geruch von gefilterter Luft und PVC-Böden, der eigentlich nicht besonders anregend ist, für mich aber nach Freiheit duftete. Die Duty-Free-Shops, die irgendwie überall auf der Welt gleich aussehen und somit ein gewisses Gewühl von Zuhause vermittelten. Die Durchsagen über geänderte Gates, unpünktliche Passagiere und vergessene Koffer, die ich in kindlicher Neugier unfassbar spannend fand. Die Vorfreude auf das Erreichen eines neuen, unbekannten Ortes am Ende des Fluges. Und nicht zuletzt die Vorstellung, dass auf denselben Fleck, auf dem ich stand, täglich tausende Menschen aus der ganzen Welt ihre Schritte setzten.

Flughäfen verknüpfen Welten.

Die Faszination dessen hat sich mir bis heute erhalten, auch wenn die einstige Aufregung einer gelassenen Routine gewichen ist. Sie kommt mir als von Berufs wegen Reisende entgegen. Wenn ich einmal morgens um sechs an der Schlange zur Sicherheitskontrolle zwischen aus Jogginghosen ragenden Sandalenfüßen, unachtsam bewegten Aktenkoffern und tief in Handtaschen vergessenen Flüssigkeiten stehe, erinnere ich mich daran, dass ich das Fliegen, all seine Unannehmlichkeiten in Kauf nehmend, doch liebe. Dann muss ich lächeln, lehne mich in Gedanken zurück und bin so glücklich, dass mich selbst die immer wiederkehrende Diskussion über die Stimmgabel in meinem Federmäppchen nicht aus der Ruhe bringen kann.

Ich habe überhaupt aufgehört, mich am Flughafen zu hetzen. Wenn ich nicht gerade einen ganz knappen Anschluss erreichen muss, nehme ich mir Zeit. Ich will die Reise nicht als Mittel zum Zweck begehen, sondern will sie erleben, selbst wenn es nicht zum ersten Mal in dieser Woche nur ein kurzer Flug an einem geschäftigen Tag ist. Wenn es sich einrichten lässt, versuche ich beispielsweise, vor jedem Flug zumindest einen Kaffee zu trinken. Und sei er noch so schlecht.
Ich habe einmal auf einem Zwischenstopp in Brüssel den schlechtesten Cappuccino meines Lebens getrunken. Das heißt, ich habe ihn eigentlich nicht getrunken. Ich habe davon gekostet, zweimal, um mich seiner Scheußlichkeit zu versichern, um ihn dann stehen zu lassen. Ich muss dazu anmerken, dass ich bis heute nicht benennen kann, warum er so scheußlich war. Aber dieser Cappuccino sticht mit seiner Unkaffeehaftigkeit im Ranking sowohl das koffeinversetzte Abwaschwasser eines New Yorker Hotelfrühstücksraumes, als auch die Tasse mit aufgeschäumter Haltbarmilch in einem Bordrestaurant der ÖBB, in der der Kaffee schlicht fehlte, aus. Ich finde, das gilt es doch zu honorieren.
Das gastronomische Angebot auf Flughäfen ist ja meist eher bescheiden, was aber auf die eine oder andere Art wieder den Charme des Ganzen ausmacht. Am London City Airport habe ich neulich ein sehr gutes Steak gegessen, was rückwirkend betrachtet doch überrascht. Wahrscheinlich war es in Wirklichkeit auch gar nicht so gut und mein nach fünf Stunden des Wartens mit Aussicht auf eine dicke Nebelwand zwischen gefühlt viertausend verärgerten Passagieren annullierter Flug (oder die Flasche Birnencider vorweg) muss mich empfänglich für jeden noch so zarten kulinarischen Strohhalm gemacht haben. Die gute Erinnerung bleibt: Während die Schlange vor dem Kundenservice immer länger wurde, beschloss ich, mich zu entspannen und die Ungewissheit über den Zeitpunkt meines Wegkommens mit eben diesem Steak zu zelebrieren.
Als ich zehn Jahre alt war, habe ich auf einem Flug von Paris ein Paprikahuhn gegessen – damals gab es ja noch „richtiges“ Essen auf Kurzstrecken -, welches mir bis heute in Geruch und Geschmack präsent ist. Nie wieder habe ich solch ein Paprikahuhn gefunden, nicht in den besten Lokalen und erst recht nicht wieder an Bord eines Flugzeuges. Manchmal steigt mir heute nach Erreichen der Reiseflughöhe diese spezielle Geruchskomposition aus Klimaanlage, heißem Bordküchenkaffee und schwitzendem Plastik in die Nase, die das Herannahen des Servicewagens ankündigt, da erinnere ich mich an dieses Huhn und dann wird mir ganz warm ums Herz… Aber ich schweife ab.

Das ist übrigens das Beste, was man tun kann, wenn man ein paar Stunden an einem Flughafen tot zu schlagen hat: Abschweifen. Ich gehe spazieren, schaue mich in den Geschäften um, sofern es welche gibt, blättere ein paar Bücher durch und kaufe mir vielleicht eines. Wenn ich genug Verspätung habe – ich formuliere das in diesem Fall ganz positiv! -, lese ich es vielleicht sogar bis zu Ende. Eventuell klappe ich auch meinen Laptop auf und erledige Dinge, die liegen geblieben sind, oder werfe einen Blick in einen Klavierauszug. Wenn ich einen guten Platz finde, kann ich sehr produktiv sein an so einem Flughafen. Ein guter Platz, das bedeutet, es gibt genug Raum für mich und meine Utensilien, eine Steckdose, die Option auf frischen Kaffee, Toiletten und eine Infotafel in Sichtweite, und mit großem Glück guten Überblick über Flugzeuge draußen und Menschen drinnen gleichermaßen. Ich beobachte dann gerne die Reisenden – mir liegt das Leutschau’n eben im Blut – und stelle Vermutungen an, woher sie kommen und warum sie wohin reisen werden. Ich lausche den Gesprächen von Geschäftsleuten, Reisegruppen und Familien und versuche, ihre Welten zu erschließen. Ich höre Sprachen, die ich nicht verstehe, die aber so schön klingen, dass sich mein Ohr nicht entziehen kann. Auch versuche ich zu erraten, wohin die nächste Maschine abhebt. Vielleicht stelle ich mir auch vor, wie ich mitfliege. Ich nehme den Lärm und den Stress um mich herum wahr – sie stören mich nicht.
Und wenn mir das Surren und Flimmern, das Laufen und Warten, das Kommen und Gehen doch zu viel werden, schließe ich meine Augen, blende das Geschehen um mich herum aus und sitze einfach da. Das Warten auf einen Flug ist eine wunderbare Ausrede, um einfach einmal nur dazusitzen, denn was soll man sonst tun? Man kann an einer Verspätung nichts ändern und man ist ja örtlich gebunden. Ich finde ohnehin, dass wir viel zu wenig in der Lage sind, einfach dazusitzen. Das fällt schwer, wenn man daran gewöhnt ist, ständig zu arbeiten und zu funktionieren, ständig noch schnell etwas zu erledigen und mehrere Dinge gleichzeitig handzuhaben. Ich lasse meine liegen gebliebenen Emails sein und stelle mich an ein Fenster um zu schauen. Einfach nur schauen.

So viele Flugzeuge und mit ihnen Menschen bewegen sich da draußen durcheinander. Sie kommen an diesem einen Ort wie zufällig zusammen, begegnen sich mehr oder weniger und gehen dann wieder auseinander. Das hat etwas Verbindendes, auch, wenn man oft mit niemandem Kontakt aufnimmt und nur stumm nebeneinander auf den Abflug wartet. Manchmal ergeben sich doch Gespräche und Gemeinsamkeiten, manchmal wird man zur Zweckgemeinschaft, wenn es etwa um annullierte Flüge oder Überbuchungen geht, nur um dann, ohne sich je wirklich kennen gelernt zu haben, wieder seine eigenen Wege zu gehen.
Manchmal fühle ich mich zwischen all diesen Menschen dann sehr alleine. Man ist ja nur ein winziger Teil dieses riesigen, komplexen Gefüges aus punktgenauer Organisation hinter den „Kulissen“, künstlicher Herstellung von oberflächlicher Annehmlichkeit und akribischer Abschirmung von der Außenwelt. Vielleicht ist es letztere, die einen so zwischen den Welten stehen lässt. Auf einem Zwischenstopp ist man ja weder da, noch dort. Man ist zwar an einem Ort gelandet, aber man ist doch nicht wirklich dort. Man bewegt sich doch nur in der Sicherheitszone des Flughafens von Gate zu Gate. Tatsächlich stelle ich mir diese Frage während vieler Aufenthalte: Würde ich auf einer dieser fähnchengespickten Weltkarten, die zur Selbstdarstellung an die Wand zu hängen gerade so en vogue ist, den Ort meines Zwischenstopps markieren dürfen? Zählt das? Oder habe ich offiziell den Boden nie betreten, war ich in Wirklichkeit gar nicht da? In dieser Welt zwischen Start und Landung schwebend wird mir ganz unwirklich zumute. Oder vielleicht auch poetisch: denn zwischen über den Wolken und unter den Wolken ist viel Raum für Poesie. Reinhard Mey und ich sind sicher nicht die Ersten, die das bemerkt haben.

Mein Flug ist nach dreieinhalb Stunden Verspätung aufgerufen. Ich muss meine Steckdose, meinen inzwischen kalt gewordenen Kaffee und meinen Schreibplatz verlassen. Schade eigentlich. Paris ist schön. Aber ich war ja ohnehin nicht wirklich da…

S.R.

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