Reiseszenen Texte

Reiseszenen – #5 Eisschmelze

MUTTER, 35, geschäftige Fön-Blondine im Freizeitlook
CHRISTOPH, 5, ihr Sohn
EISVERKÄUFERIN
LUISE
ÄLTERE FRAU, stumme Rolle

Am Eisstand vor dem Bahnhof.

CHRISTOPH: Mama, wie viele Kugeln darf ich haben?

MUTTER: Eine.

CHRISTOPH: Maaah!

MUTTER: Bitte, Christoph, eine reicht. Das hast ja letztes Mal dann nicht geschafft. Die zwei Kugeln.

CHRISTOPH schmollt.

EISVERKÄUFERIN: (zur ÄLTEREN FRAU) Zwei sechzig, bitte.

Die ÄLTERE FRAU reicht der EISVERKÄUFERIN das Geld passend, nimmt ihre Eistüte aus der Halterung und verlässt den Eisstand nach links.

CHRISTOPH: (schreit) Ich will Haselnuss!

MUTTER: Pscht!

CHRISTOPH: (schreit lauter) Ich will aber Haselnuss!

MUTTER: Jaja.

CHRISTOPH: (schreit etwas leiser) Und ich will selber zahlen!

MUTTER: Pscht!

CHRISTOPH: (schreit wieder etwas lauter) Mama! Ich will selber…

MUTTER: (unterbricht ihn) Christoph, wenn du jetzt nicht still bist, kriegst du gar kein Eis.

CHRISTOPH schmollt und schweigt.

LUISE tritt von recht an den Eisstand heran, reiht sich hinter der MUTTER und CHRISTOPH ein und sucht über deren Schultern spähend nach einer Eissorte, die ihr gefällt. Sie entscheidet sich prompt für Himbeere und wartet.

EISVERKÄUFERIN: (zur MUTTER) Bitte!

Die EISVERKÄUFERIN nimmt vorauseilend einen Waffelbecher und Eisportionierer routiniert zur Hand.

MUTTER: Eine gemischte Kugel mit Zitrone und Waldbeere!

EISVERKÄUFERIN: Gemischte Kugeln gibt es leider nicht.

CHRISTOPH: (laut) Mama, warum darfst du zwei Kugeln und ich nur eine?

MUTTER: (leise zu Christoph) Ich wollte eine gemischte Kugel. Also eine Kugel mit zwei Sorten.

CHRISTOPH: (überlegt kurz, dann laut:) Ich will auch zwei Sorten! Ich will Haselnuss und Kirsche!

EISVERKÄUFERIN: (zu CHRISTOPH) Wir haben leider keine gemischten Kugeln.

CHRISTOPH: (verwirrt) Warum?

MUTTER: (zu Christoph) Pscht! (zur Eisverkäuferin) Also, dann kriege ich bitte einmal Zitrone.

EISVERKÄUFERIN: Becher?

MUTTER: Nein, Tüte.

Die EISVERKÄUFERIN stellt den Waffelbecher, den sie in der Hand hielt, wieder hin, geht nach rechts und holt eine Tüte. Sie kommt zurück und beginnt, das Zitroneneis zu portionieren.

MUTTER: Achso, nein, doch Becher!

Die EISVERKÄUFERIN hält schweigend inne, geht nach rechts, um die Tüte dort zurückzustecken, kommt zurück, nimmt den Waffelbecher wieder auf und fährt fort, das Zitroneneis zu portionieren.

LUISE wartet.

CHRISTOPH: (schreit) Ich will Haselnuss und Kirsche!

MUTTER: Nur eine Kugel, haben wir gesagt.

CHRISTOPH: (überlegt kurz, dann laut:) Ok! Dann Kirsche!

Die EISVERKÄUFERIN stellt den Becher mit dem Zitroneneis auf den Tresen.

EISVERKÄUFERIN: Einmal Amarena-Kirsche für den jungen Mann?

MUTTER: Ja.

EISVERKÄUFERIN: Auch im Becher?

MUTTER: Ja.

Die EISVERKÄUFERIN nimmt einen weiteren Waffelbecher zur Hand und beginnt, das Amarena-Kirscheis zu portionieren.

CHRISTOPH: (schreit) Tüte, Mama! Tüte!

MUTTER: Also, Tüte!

Die EISVERKÄUFERIN hält schweigend inne, stellt den Waffelbecher wieder ab, geht nach rechts, um eine Tüte zu holen, kommt zurück und fährt fort, das Amarena-Kirscheis zu portionieren.

LUISE wartet.

Das Zitroneneis schmilzt langsam.

MUTTER: Nein, Moment, ist das Alkohol drin?

EISVERKÄUFERIN: (irritiert) Nein.

MUTTER: Sicher?

EISVERKÄUFERIN: (irritierter) Sicher.

MUTTER: Gut.

Die EISVERKÄUFERIN portioniert das Amarena-Kirscheis und steckt die Tüte in die Halterung am Tresen.

Die MUTTER greift inzwischen in ihre Hosentasche und reicht CHRISTOPH einige Münzen: nämlich ein Zwei-Euro-, ein Ein-Euro- und zwei Fünfzig-Cent-Stücke.

LUISE wartet.

Das Amarena-Kirscheis schmilzt langsam.

Das Zitroneneis schmilzt etwas schneller.

EISVERKÄUFERIN: Zwei sechzig, bitte.

CHRISTOPH: Mama! Mama!

MUTTER: Ja, gib’s schön hin der Dame!

CHRISTOPH reicht gerade bis zum Tresen hinauf und will alle Münzen, die er bekommen hat, hinlegen.

MUTTER: (schiebt seine Hand weg und weist ihn zurecht:) Nein, nicht alles. Zwei sechzig, hat sie gesagt.

CHRISTOPH blickt verwirrt auf die Münzen in seiner Hand.

CHRISTOPH: (verzweifelt) Wieviel ist das, Mama?

MUTTER: Zwei sechzig.

CHRISTOPH: Zweiundsechzig?

MUTTER: Zwei Euro und sechzig. Christoph. Bitte.

LUISE wartet.

Das Zitronen- und das Amarena-Kirscheis schmelzen gemeinsam.

CHRISTOPH blickt völlig verzweifelt zu seiner MUTTER auf und hält weiterhin die Münzen in seiner offenen Hand.

MUTTER: (genervt) Ja, gibst halt die zwei Euro hin…

CHRISTOPH legt das Zwei-Euro-Stück auf den Tresen.

EISVERKÄUFERIN: (sanft, zu CHRISTOPH) Zwei Euro und sechzig Cent, bitte.

CHRISTOPH blickt verwirrt die MUTTER an, die genervt den Kopf schüttelt.

MUTTER: Eins zehn fehlt noch, Christoph.

Die EISVERKÄUFERIN und LUISE schauen sich verwundert an. Sie warten.

Das Zitronen- und das Amarena-Kirscheis erreichen den Tresen.

CHRISTOPH blickt unbehaglich auf die Ein-Euro-Münze und die zwei Fünfzig-Cent-Münzen in seiner Hand.

CHRISTOPH: Das hab ich nicht, Mama!

MUTTER: Eins zehn.

CHRISTOPH: Ein Euro und zehn Euro?

MUTTER: (genervt) Christoph, stell dich nicht SO dumm!

CHRISTOPH: (mit brüchiger Stimme, aber laut) Ich hab aber nicht zehn Euro, Mama!

EISVERKÄUFERIN: (geduldig zur MUTTER) Sechzig Cent würden noch fehlen.

Die MUTTER stutzt.

MUTTER: (zu CHRISTOPH, laut) Gib jetzt das Geld her!

CHRISTOPH reicht seiner MUTTER enttäuscht die Münzen und schmollt.

Die MUTTER legt ein Fünfzig-Cent-Stück auf den Tresen zu dem Zwei-Euro-Stück.

LUISE wartet.

Das Zitronen- und das Amarena-Kirscheis laufen auf dem Tresen ineinander.

EISVERKÄUFERIN: (wohlwollend) Jetzt fehlen noch zehn.

Die MUTTER stutzt.

LUISE wartet.

Das Zitronen- und das Amarena-Kirscheis bilden einen anmutigen weiß-roten Wirbel auf dem Tresen.

Die MUTTER legt ein weiteres Fünfzig-Cent-Stück auf den Tresen. Sie nimmt die eisüberlaufenen Tüten mit Servietten vom Tresen und reicht CHRISTOPH seine Tüte.

CHRISTOPH ist wieder glücklich.

EISVERKÄUFERIN: (legt vierzig Cent auf den Tresen) Vierzig zurück, bitte.

Die MUTTER stutzt wieder.

LUISE wartet.

Das Amarena-Kirscheis rinnt über CHRISTOPHS Gesicht und Hände.

Das Zitroneneis tropft in die Serviette.

MUTTER: (langsam) Ich dachte, sechzig…

Die EISVERKÄUFERIN stutzt.

LUISE wartet.

Das Amarena-Kirscheis ist fast zur Gänze aufgegessen.

Das Zitroneneis in fast zur Gänze in die Serviette gesickert.

EISVERKÄUFERIN: (mit sympathisch-pädagogischem Unterton) Drei haben Sie mir gegeben, zwei sechzig macht es aus, also vierzig zurück.

Die MUTTER überlegt. Dann nimmt sie die vierzig Cent an sich, macht jedoch nicht den Eindruck, als hätte sie begriffen, warum das Geld ihr gehört. Schließlich verlässt sie mit CHRISTOPH, seiner leeren Tüte und ihrer vollen Serviette den Eisstand.

LUISE tritt vor.

LUISE: (vergnügt) Eine Kugel Himbeere im Becher, bitte. Hier sind zwei Euro, der Rest ist für Sie.

Die EISVERKÄUFERIN lächelt.

MUTTER: (laut, aus dem Hintergrund) Christoph, du bekommst NIE wieder ein Eis! Du bist immer SO kompliziert und dann dauert das alles so lange!


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