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Schneestille

Endlich schneit es. Herrlich! Der Schnee wird vermutlich schneller schmelzen, als er gefallen ist, aber dennoch: Schnee ist immer etwas Besonderes für mich, vor allem der erste des Jahres. Wenn es schneit, werde ich zwischen allem Weltstress ruhig und ausgeglichen. Sobald die erste Flocke fällt, nehme ich die Welt ein Stück langsamer wahr.

Ich bin ein Wintermensch. Ich liebe es, wenn es draußen bitterkalt ist und ich mich beim Heimkommen wie eine stoffene Zwiebel schälen muss. Wenn mir am offenen Fenster die Kälte über den Rücken kriecht. Wenn heißes Porzellan die steifen Finger wärmt. Wenn die Stille knirscht und knarzt und knistert… Es ist eine ganz eigenartige Stille. Es ist Schneestille. Sie ist außergewöhnlich.
Wenn es nachts schneit und Ruhe auf den Straßen ist, mache ich mein Fenster auf, lausche in die Dunkelheit – eigentlich ist es ja nie richtig dunkel, wenn Schnee fällt – und höre den Flocken beim Rieseln zu. Jeder einzelne Kristall scheint eine eigene Melodie zu flüstern. Da wird einem ganz poetisch ums Herz.

Wenn der Winter dann wirklich da ist, scheint die Welt ewig weiß zu bleiben. Tagelang, nächtelang wird der Schnee daliegen, unbeeindruckt von Zeit und Licht. Und doch ist jede einzelne Flocke so vergänglich. Kaum eine Sekunde hält sie sich auf der warmen Hand. Ich fange den Schnee aus der Luft und schaue ihm dabei zu, wie er auf meiner Gänsehaut verrinnsalt. Um durch die Landschaft zu streifen und mich zwischen den dichten Flocken zu verstecken, nehme ich mir ein Stündchen Zeit. Was ist schon eine Stunde, wenn es schneit? Der weiße Vorhang gehört nicht unserer Zeitrechnung an. Schnee ist wie langsamer Regen. Zeitlupe. Als hätte jemand die Weltenuhr angehalten. Die Zeit bleibt stehen. Und ich mit ihr.

Manchmal kommt es mir dann so vor, als wäre ich in einen Stummfilm gefallen, einen ganz langsamen. Und der Schnee musiziert dazu. Er singt, wenn er auf die Erde trifft, auf Blätter, Straßen, Schirme. Und wenn ich stehen bleibe, und das Weiß einatme, bin ich einem verblichenen Schwarzweißfoto entsprungen. Nicht umsonst heißt es „das Bild einfrieren“, wenn man einen Film anhält. Nicht umsonst verfällt die Fauna in Winterschlaf, bis es wieder Frühling ist.

Wir Funktionierer können uns das nicht leisten. Wir laufen weiter, unsere innere Uhr ist blind geworden für die Welt, um die wir rotieren. Schnee macht uns langsam und das können wir nicht brauchen. Furchtbares Wetter, sagen wir Schirm- und Taschenträger auf dem Weg zur nächsten Verpflichtung. Wir blicken aus eisgeblümten Fenstern wartender Fahrzeuge und die innere Uhr läuft immer schneller, weil wir nicht voran kommen. Wir blicken hinaus durch den Vorhang weißer Perlenketten, aber wir sehen nicht. Wir rechnen verlorene Minuten und schauen auf die Uhr, aber wir sehen nicht. Wir werden gefüttert mit allen Bildern dieser Welt, aber wir sehen nicht.

Und dann kriecht mir die wohlige Kälte unter den Kragen und lässt mich lange seufzen. Und dann erinnere ich mich. Ich stehe im Schnee, in Gedanken, und lasse die Welt Welt sein und ich bin so froh, dass es schneit, denn das lässt mich nicht vergessen, das Leben zu betrachten und zu lieben.

Und im Traum kuschele ich mich zwischen die eisigen Wattebausche, die uns in eine paradiesisch stille Decke hüllen. Ob sie wohl die ganze Welt umschließt?

Es scheint mir ein tröstlicher Gedanke. Friede. Der Schnee befriedet die Welt.

S.R.


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