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Açorda à la Rennert – Erinnerung an eine Brotsuppe

"Açorda à la Rennert" © Rennert
Madeira: die „Blumeninsel“ genannte portugiesische Oase 700 Kilometer vor der marokkanischen Westküste, die einen Naturpark beheimatet, der fast die ganze Insel umfasst, und eine Flora, die in Schönheit und Vielfalt ihresgleichen Sucht und die wilde Küsten mit zarte Blüten vereint. Ich habe mich schon bei meinem ersten Besuch in die Insel verliebt. Dabei kenne ich immer noch nicht alle Ecken, Gott sei Dank, denn so habe ich triftige Gründe, immer wieder zurückzukommen.
Madeira heißt übersetzt schlicht „Holz“. Und von der Hauptstadt Funchal („Fenchel“) aus erreicht man schnell die schwer duftenden Eukalyptuswälder, die die Straßen auf den Berg säumen. Sobald man über den ätherischen Nebel hinausgekommen ist, erschließt sich dem staunenden Reisenden ein Meer aus gelb blühenden Sträuchern. Zwischen Kühen am Straßenrand hat man vielleicht Glück, die Frösche in ihrer Balzzeit zu erwischen und hinter einigen Büschen einen quakenden Teppich aus grünen Beinchen und schwarzen Augen zu entdecken. Ein Stückchen weiter erreicht man auch die berühmten erwanderbaren Levadas.
Bleibt man hingegen an der Küstenstraße, erreicht man irgendwann den Leuchtturm in Ponta do Pargo. An einem für Madeira typischen Tag mit vier verschiedenen Wetterzuständen erreichen wir nach einem überraschend in eiskaltem, feuchtem Wind stattfindenden Spaziergang eine Gaststätte mit Naturterrasse. Wir werden an einen dicken Holztisch mit atemberaubender Aussicht von der Anhöhe auf die in Zwielicht gehüllte Küste geführt.



Neben uns grast eine Ziege hinter einem Holzzaun. Es ist der am wenigsten zugige Platz, aber wir müssen mit allem, was wir an Tüchern und Schals dabei haben, auffahren. Wenn wir frieren, sollen wir die Suppe bestellen, sagt die sympathische Wirtin, und den Schertfisch mit Banane, denn den bestellen hier alle. Wir widersprechen nicht. Wenige Augenblicke später werden uns Schüsseln aufgetischt, randvoll mit dampfender klarer Suppe, in der nicht nur dicke Brotstücke sich wie Schwämme ansaugen, sondern auch ein Ei und Knoblauch schwimmen. An der Oberfläche bilden sich glänzende Ölmuster. Man nimmt einen großzügigen Löffel der heißen Brühe und sofort wird einem von der Knoblauchschärfe heiß. Die Wirtin hat nicht zu viel versprochen. Der Bananen-Schwertfisch entpuppt sich tatsächlich als kulinarische Offenbarung. Aber das Highlight des Tages ist und bleibt die Brotsuppe. Irgendwann ist die Schüssel (leider!) ausgelöffelt und man ist so satt, aufgewärmt und gestärkt, dass man das Gefühl hat, Bäume ausreißen zu können.
Wir streiten auf der Rückfahrt, welche Gewürze man für die Suppe wohl verwendet hat. Einig sind wir uns auf jeden Fall, dass dieses Gericht einfach das Beste sein muss, was wir je gegessen haben. Zuhause im kalten Mitteleuropa werfe ich Google an. „Açorda“ nennen die Portugiesen den Klassiker. Touristisch wird sie mit allem Möglichen zubereitet und dem Esser teuer serviert. Traditionell war sie aber einmal ein billiges Gericht armer Haushalte, bestehend nur aus altem Brot, Knoblauch und Kräutern, übergossen mit heißem Wasser. Vielleicht hatte man auch ein Ei übrig.
Ich habe mir überlegt, was mir in so einer Açorda noch schmecken würde. Ich koste in meiner Vorstellung. Vielleicht möchte ich es statt mit Wasser mit Gemüsebrühe versuchen. Ein bisschen Kümmel finde ich in Verbindung mit Knoblauch auch sehr ansprechend. Und dann habe ich noch Lust auf Schnittlauch. Ich liebe Schnittlauch. Am liebsten habe ich ihn in großen Mengen auf einem Butterbrot. Aber ich mache eine Ausnahme und gebe ihm die Position des Sahnehäubchens in meiner Brotsuppe. Ich besorge mir einen Teller voll Suppengemüse: eine große Zwiebel, eine Karotte, ein Stück Sellerie, ein Stück Kohl und zwei kleine Stangen Lauch. Ich würfle alles eher grob. In einem großen Topf erhitze ich nicht zu wenig Olivenöl und brate darin die gehackte Zwiebel mit je einem Esslöffel Kümmel und Cayennepfeffer an. Sobald der Zwiebel beginnt, glasig zu werden, findet das restliche Gemüse seinen Weg in den Topf. Ich schwenke es, bis es eine leichte Farbe bekommt. Dann würze ich mit viel grobem Meersalz und frisch gemahlenem Pfeffer. Jetzt wird mit zweieinhalb Liter Wasser aufgegossen. Nachdem die Brühe ordentlich aufgekocht hat, lasse ich sie mindestens eine halbe Stunde lang zugedeckt köcheln. Ich würze nach mit Salz und ein wenig Cayennepfeffer – ich habe es gerne sehr scharf.
In der Zwischenzeit bereite ich den Inhalt der Suppenschüsseln vor. Ich reiße einen kleinen Laib guten Weißbrotes, das schon ein paar Tage liegt, in grobe Stücke. Es darf ruhig schon hart sein. Für die Açorda kann man altes Brot wunderbar brauchen. Dann hacke ich für jede Schüssel zwei Knoblauchzehen und eine Hand voll Schnittlauch. Ich setze einen kleinen Topf mit gesalzenem Wasser auf. Sobald es kocht, schalte ich die Temperatur zurück und pochiere ein Ei pro Person. Dabei achte ich darauf, dass das Wasser nicht mehr zu heftig kocht, sodass die Eier in Ruhe einige Minuten ziehen können, bis sie durch sind. Nun fülle ich die Suppenschüsseln mit ein, zwei Löffeln vom Suppengemüse, Brot, Knoblauch und Schnittlauch, sowie pochiertem Ei und gieße mit heißer Brühe auf.
Wer nach einer wärmenden und stärkenden Mahlzeit sucht, nach etwas, das einen verdorbenen Magen wieder einrenkt oder verstopfte Nebenhöhlen frei räumt, sei mit diesem Rezept beraten und willkommen es nach eigenen Gelüsten weiter zu entwickeln. Ich freue mich über Erfahrungsberichte!


Açorda à la Rennert
Açorda à la Rennert


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1 Kommentar zu “Açorda à la Rennert – Erinnerung an eine Brotsuppe

  1. Tolle Bilder!
    xo & liebste Grüße, Sina
    http://CasaSelvanegra.com

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