Texte

Mein Zweifel und ich

"Mein Zweifel und ich" © Rennert

Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Ich liebe ihn und möchte der ganzen Welt erzählen, was ich Fantastisches tun darf. Aber ich möchte auch ehrlich sein. Ich bin kein Zirkuspferd, das jeden Abend reibungslos funktioniert und seine Kunststücke am Fließband präsentiert. Ich bin ein Mensch mit Emotionen und einer wechselnden Tagesverfassung. Und dann gibt es noch diesen ewigen Kreislauf des künstlerischen Prozesses: Sobald man einen Höhepunkt erreicht hat, kommt man ernüchtert an einen Tiefpunkt, nur um auf den nächsten Höhepunkt hinzuarbeiten, und so weiter. Das kenne ich so, seit ich selbst aktiv Musik mache, und das ist im Prinzip, seit ich denken kann. Ich bin damit aufgewachsen und habe beobachtet, dass andere Menschen dieses symbiotische Auf und Ab unter Umständen nicht in dieser Intensität kennen. Der niederschmetternde Selbstzweifel scheint besonders unter Künstlern en vogue zu sein, in all seiner zerstörerischen Phönix-aus-der-Asche-Gewalt. Warum? Brauchen wir tatsächlich die Selbstzerstörung um uns dann noch größer wieder aufzurichten? Müssen wir zweifeln, um immer weiter zu streben? Würden wir in unserer Arbeit stagnieren, wenn wir immer gleich zufrieden wären? Warum setzen wir uns diesem inneren Druck aus?

Und: Was hat uns eigentlich geritten, vor hunderten von Leuten unsere nackten Seelen zu offenbaren? Setzen wir uns nicht täglich als Beute der hungrigen Masse aus, bereit, uns in der Luft zerreißen zu lassen? Sind wir nach Bestätigung lechzende Narzissten? Oder wollen wir doch nur etwas bewirken mit unserem Tun, die Welt ein bisschen besser machen, auch uns selbst vielleicht, und nehmen wir deshalb das nicht enden wollende mit sich Hadern in Kauf?

Und stelle nur ich mir diese Fragen? Nein. Jeder Sänger, Musiker, Schauspieler, Tänzer muss doch diese Stunden dauernde Minute voller Überzeugung vom eigenen Unvermögen kurz vor dem Einsatz kennen. Den Fluchtgedanken Sekunden vor dem Auftritt. („Was, wenn ich einfach gehe?“) Aber auch den Moment danach, in dem man dann endlich dort auf der Bühne steht, mit der Welt vereint und doch ganz allein – nur, dann macht es nichts mehr. Sobald es beginnt, ist alles egal. Dieses Gefühl werden nicht viele Menschen erleben dürfen. Und ich bin glücklich, dass ich es darf. Das den Moment unter Kontrolle Haben, gleichzeitig das sich Hingeben und Loslassen. Das Sein in dieser anderen Dimension, diesem Zustand, den man eigentlich niemandem beschreiben kann, der es nicht selbst erlebt hat. Nicht jede Vorstellung, nicht jedes Konzert hat diese Momente. Deshalb sind sie so kostbar. Ich zähle meine Momente an zwei Händen ab. Und ich vergesse sie nie. Sie haben eine eigene samtverhängte Loge in meinem Hinterkopf.

Dazwischen feuert sich der Selbstzweifel wieder an. Aber ich beobachte mich und stelle fest: Er ist gut. Er lässt mich am nächsten Morgen aufstehen und weitermachen. Finden. Entdecken. In Bewegung bleiben. Hinausgehen. Mehr wollen. Er gehört zu mir wie meine Stimme. Hätte ich ihn nicht, würde ich vor mich hin schwimmen, mir unbewusst dessen, dass es noch mehr oder Anderes gibt. Ich würde meine Neugier am Wachsen verlieren, die mich lebendig macht.

Ich habe (noch) keine Lösung. Vielleicht müssen wir aber den Zweifel akzeptieren, ohne ihn die Oberhand gewinnen zu lassen. Ihn da sein lassen, zuschauen lassen, annehmen, ihn schätzen und ihn im richtigen Moment auch zum Schweigen bringen. Damit der Moment dann zu unserem Moment werden kann.

S.R.

4 Kommentare zu “Mein Zweifel und ich

  1. lifebitsandohmy

    Hat dies auf rebloggt und kommentierte:
    Worthy :)

    Gefällt 1 Person

  2. Dieser Selbstzweifel wird nie Dein Freund werden, aber ein Begleiter, der es versteht im richtigen Moment wieder zu verschwinden. Und, wie selbstverständlich tritt er bei nächster Gelegenheit, wenn Du Dich seiner erinnerst, wird er wieder in den Raum treten.

    Ich glaube, es gibt nur ganz wenige Berufe, die diesen Zyklus nicht kennen. Ein Landwirt mit der Verantwortung über Tiere wird wohl nie diese Schwankungen empfinden, ja empfinden dürfen. Er würde es am Verhalten seiner Schützlinge wohl ablesen können.

    Ich glaube, in der Praxis wird man auf das Absinken in die Fragen und dem Hinterfragen kaum einen Einfluss haben, aber man wird die Dauer besser kontrollieren, wenn man Instrumente des Wohlbefindens zur Hand hat oder eine andere Aufgabe zur Ablenkung sucht. Und im Künstlerdasein ist der Erfolg, der einem auf der Bühne zustrebt zwar manchmal auch vom „Herdenverhalten“ begleitet. Trotzdem, er ist eine Initialzündung eines Glücksgefühls und eine Genugtuung das eben zum Erfolg Gelernte für die Ewigkeit zu behalten. Eine beruhigende Perspektive.

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  3. Toller Artikel.Trifft den Nagel auf den Kopf.Ich denke einfach, wenn man sich das Alles immer wieder antut, dann ist man wirklich ein Musiker. Und irgendwie ist dieses ganze Auf und Ab auch ein nicht zu unterschätzender Antrieb.Lg und alles Gute!

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