Reiseszenen – #4 Schrödingers Sahne

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WALPURGA, 90 und zahnlos, in einer alten Winterjacke und einem lodengrünen Kopftüchl
JOCHEN, 30, ein Kellner in entsprechendem Outfit

WALPURGA sitzt an ihrem Stammplatz im Bahnhofsbeisl links hinten. JOCHEN serviert ihr einen Teller Tomatensuppe mit Sahnehäubchen.

WALPURGA: (kostet die Suppe) Schweinehund! (Sie blickt sich suchend nach JOCHEN um.) Die Suppe ist lauwarm! Lauwarm!

JOCHEN: (kommt zum Tisch zurück) Bitte?

WALPURGA: Die ist lauwarm!

JOCHEN: Die kommt aber frisch aus der Küche.

WALPURGA: Lauwarm!

JOCHEN: Die Sahne ist eiskalt, vielleicht deshalb?

WALPURGA: Was?

JOCHEN: Lass mich mal den Teller fühlen.

WALPURGA: Das brauchst nicht, die ist lauwarm!

JOCHEN: Die ist schon heiß. Die Sahne ist aber eiskalt.

WALPURGA: Was?

JOCHEN: Die Sahne.

WALPURGA: Was?

JOCHEN: Die Sahne!

WALPURGA: Sahne? Weiterlesen

Schneestille

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Endlich schneit es. Herrlich! Der Schnee wird vermutlich schneller schmelzen, als er gefallen ist, aber dennoch: Schnee ist immer etwas Besonderes für mich, vor allem der erste des Jahres. Wenn es schneit, werde ich zwischen allem Weltstress ruhig und ausgeglichen. Sobald die erste Flocke fällt, nehme ich die Welt ein Stück langsamer wahr.

Ich bin ein Wintermensch. Ich liebe es, wenn es draußen bitterkalt ist und ich mich beim Heimkommen wie eine stoffene Zwiebel schälen muss. Wenn mir am offenen Fenster die Kälte über den Rücken kriecht. Wenn heißes Porzellan die steifen Finger wärmt. Wenn die Stille knirscht und knarzt und knistert… Es ist eine ganz eigenartige Stille. Es ist Schneestille. Sie ist außergewöhnlich.
Wenn es nachts schneit und Weiterlesen

Reiseszenen – #3 Fluchtursachen

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LUISE
ihr KOFFER
eine JUNGE FRAU
drei STIMMEN aus einem Video
ein ALTER MANN
seine ZEITUNG
eine MUTTER
ein KIND
ein COOLER TYP
ein Paar DRUMSTICKS
zwei FRAUEN MIT KOPFTUCH (stumme Rollen)

LUISE und ihr KOFFER blicken müde aus dem Fenster des Zuges. Landschafts- und Nebelfetzen ziehen in der Morgendämmerung vorüber. Hinter ihnen sitzt ein ALTER MANN mit seiner ZEITUNG. Schräg gegenüber sind eine MUTTER mit ihrem KIND. Rechts sitzt ein COOLER TYP mit Kopfhörern, auf seinem Schoß ein Paar DRUMSTICKS. Links sitzt eine JUNGE FRAU, aus deren Smartphone-Video halblaute STIMMEN dringen.

LUISE gähnt.

Der ALTE MANN hustet feucht.

Seine ZEITUNG raschelt.

ERSTE STIMME: …na, weil sich was ändern muss im Land. Und er ist halt auch jünger. Und fesch ist er, der Hofer.

Die JUNGE FRAU schüttelt leicht den Kopf und lacht bitter.

LUISE seufzt.

Der ALTE MANN hustet feucht.

ZWEITE STIMME: Also, ich mag am besten seine Ausländerfeindlichkeit.

Das Licht flackert.

Die JUNGE FRAU schüttelt den Kopf etwas heftiger und lacht bitter.

LUISE seufzt.

Aus den Kopfhörern des COOLEN TYPEN tönt rhythmisches Rauschen.

COOLER TYP: (zunächst leise, kehlig) Hn. Hn. Ph. Hn.

Der ALTE MANN hustet feucht.

DRITTE STIMME: Weiterlesen

Apfelsaft, Nein Danke! – Aufruf zur i-Volution

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Ein bitterer Tag für die Menschheit. Das iPhone 7 wurde getestet und es sieht nicht gut aus. Nachdem die Presse in der Ankündigung ihres Livetickers noch über das fragwürdige Design der kabellosen Kopfhörer spekuliert, bestätigt der niederschmetternde Bericht des Standard wenig später die Befürchtungen: Die Airpods sitzen schlecht und das Schlimmste ist, dass sie echt uncool aussehen. Und als ob ein Schicksalsschlag der gebeutelten Welt nicht gereicht hätte, erfährt man, dass der neue Homebutton mehr als schrecklich sei. All dies liest man nur so nebenbei. Man verdrängt es, schiebt es weg, und ich verstehe es, denn wie sollte man morgens aufstehen und zur Arbeit gehen, wenn man nicht hoffnungsvoll nach vorne blickte?
Dabei sind es genau diese Probleme, über die wir wirklich diskutieren sollten, während sich die Politik hinter Fassadenthemen wie Flüchtlingshilfe, Steuerflucht oder Bildungsreform versteckt. Wir müssen dem schrecklichen Homebutton und den uncoolen Airpods endlich die Stirn bieten! Deshalb Weiterlesen

Muss ich…? – Über das Frausein, die Burka, das Hüftraster und Salat.

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Muss sich eine Frau unterdrücken lassen, weil sie eine Frau ist? Muss ich diese Unterdrückung oder vielmehr ihre Symptome verbieten, obwohl sich dadurch nichts am ursprünglichen Problem ändert? Muss ich einer Frau, die potenziell vom familiären männlichen Umfeld unter Druck gesetzt wird, das Tuch vom Kopf, die Burka vom Leibe reißen und sie dafür anprangern, was Ihre Väter anrichten? Muss ich denn der geprügelten Frau die Selbstschuld auferlegen, indem ich sage: „Wie konntest du dich nur schlagen lassen? Ich verbiete dir ab sofort, jemals wieder mit einem blauen Auge auf die Straße zu gehen.“?
Muss ich die Frau, die einem religiösen Gesetz unterworfen ist, einem konträren staatlichen Gesetz unterwerfen, das sie zerreißt? Muss ich die verantwortlichen Männer vor Angst ignorieren und einen angeblichen Befreiungskampf auf den Frauen austragen?Muss ich einen Mann – egal in welche Richtung – entscheiden lassen, wie ich als Frau mich anzuziehen oder eben nicht anzuziehen habe? Muss ich die Männer einfach machen lassen? Muss ich mich ihnen unterordnen?Muss ich erst „Nein“ brüllen, Weiterlesen

Reiseszenen – #2 Lesen und lesen lassen

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ALBERT, ein junger Opernsänger, derzeit im Urlaub
LUISE, seine Frau, ebenfalls junge Opernsängerin, ebenfalls derzeit im Urlaub
FRAU DOKTOR HALUCHS-BERGER, Inhaberin eines Doktortitels, Festspielbeobachterin
HERR HELMHUBER, Kommerzialrat, Kenner
FRAU HELMHUBER, seine Gattin
ALBERT sitzt in ein Buch vertieft auf einer stillen Bank am Ufer. LUISE sitzt neben ihm und blickt gedankenversunken auf den See.

HELMHUBER: (setzt sich dazu, zu ALBERT:) Was lesen Sie denn da?

ALBERT: (ohne aufzublicken) „Die Strudlhofstiege“.

HELMHUBER: Ja, das habe ich auch gelesen.

FRAU DOKTOR: (eilt dazu) Ich auch!

ALBERT lächelt höflich und liest weiter.

FRAU DOKTOR: Das ist ja ein sehr mühsames Buch.

HELMHUBER: Jaja.

FRAU DOKTOR: Der Anfang liest sich sehr mühsam.

ALBERT: Im Gegenteil! Was für eine schöne Sprache…

FRAU DOKTOR: (lächelt nervös)

ALBERT: (beginnt wieder zu lesen)

HELMHUBER: (unvermittelt) Sie sehen wahrscheinlich keine Krimiserien…?
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Reiseszenen – #1 Generation Sparschiene

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LUISE, eine junge Reisende in einem schönen Sommerkleid
SCHALTERBEAMTIN der Österreichischen Bundesbahnen
SCHALTERBEAMTER der Österreichischen Bundesbahnen
FRAU SCHNITTER-MÖLL, Mittfünfzigerin aus gutbürgerlichem Kreise in einem blass-oliv-farbenen Leinenkostüm mit Perlenkette
HERR SCHNITTER, ihr Ehemann

LUISE betritt mit ihrem Handgepäckskoffer den Eingang zur ÖBB-First-Class-Lounge, weist beim SCHALTERBEAMTEN ihr digitales Ticket vor und begibt sich vor die elektronische Eingangstüre. Die Türe bleibt verschlossen.
Daneben sitzt eine SCHALTERBEAMTIN, die auf ihren Bildschirm blickt.

SCHALTERBEAMTIN: (am Telefon) …und da bin ich nicht zuständig. (legt den Hörer auf)

LUISE: (höflich) Verzeihung, würden Sie mir bitte die Türe öffnen? Weiterlesen

Wir da oben

jesuishautevolee
„Wir da oben“ müssen zusammenhalten!

„Wir da oben“, die erlauchten Künstler und Künstlerinnen, die wir die Mieten unserer schicken Lofts im Ersten Bezirk von Philosophie, Applaus und Verblendung bezahlen.
„Wir da oben“, die intellektuellen Akademiker und Akademikerinnen, die wir noch nie ein echtes Problem echter Menschen kennen lernen mussten, da wir durch unsere Milliardengagen etwas besseres sind.
„Wir da oben“, die Weiterlesen